Lieferketten unter Dauerbeschuss! Warum moderne Liefernetzwerke so anfällig für Disruption sind.

Nordamerika und Südeuropa werden von einer unerbittlichen Hitzewelle heimgesucht. Feuerwalzen ziehen durchs Land und vernichten gigantische Waldflächen. Schwere Unwetter lösen, unter anderem in Deutschland, eine bisher nie dagewesene Flutkatastrophe aus. Im Leverkusener Chempark ereignet sich eine folgenschwere Explosion. Die Taliban erobern wie im Sturm Stadt um Stadt in Afghanistan bis schließlich die Hauptstadt Kabul über Nacht fällt. Und ja, wir befinden uns noch immer mitten in einer Pandemie, die uns Welle für Welle überrollt. Wir schreiben das Jahr 2021 und dies ist nur ein kleiner Ausschnitt der Ereignisse bis heute.

Als wir am 31.12. des letzten Jahres mit Sektgläsern in der Hand am Silvesterabend standen, um das ungeliebte Corona-Jahr 2020 zu verabschieden – Hand aufs Herz: Wer hätte erahnt, was uns im Folgejahr bevorsteht.

Gemessen an den oben aufgeführten Beispielen, klingt die Havarie der „Ever Given“ im Suezkanal fast wie eine launige Anekdote. In Bezug auf ihre Auswirkung auf die Weltwirtschaft, mit ihren immer länger werdenden Lieferketten, ist sie das nicht. Denn jedes dieser Ereignisse hat mittelbar oder unmittelbar Auswirkungen auf den verletzlichen weltweiten Warenstrom.

Was moderne Lieferketten so verletzlich macht

Wenn man den einen Faktor sucht, auf den sich schnell und einfach mit dem Finger zeigen lässt, dann ist es mit Sicherheit die einseitig kostenoptimierte Lieferkette. Die Suche nach dem günstigsten Anbieter von Rohmaterialien oder Komponenten hat die Einkäufer in Unternehmen immer weiter um die Welt geführt. Solange die längeren Lieferzeiten in der Planung antizipiert werden konnten, funktionierte das System einwandfrei. Es funktionierte sogar so gut, dass auch Kostentreiber wie Redundanzen bei Lieferanten oder auch Lagerkapazitäten für Roh- und Zwischenprodukte so weit wie möglich heruntergefahren wurden. Nicht bei jedem Unternehmen und jeder Branche gleichermaßen, aber der Trend war deutlich zu erkennen.

Ist es also gerechtfertigt mit dem Finger auf die Verantwortlichen zu zeigen, die das Risiko einseitig kostenoptimierter Lieferketten nicht gesehen haben? Mitnichten. Denn natürlich kann man davon ausgehen, dass in den Unternehmen das Risiko bekannt war. Es ist nur einfach sehr lange gut gegangen. Obwohl es sicherlich immer wieder Ereignisse gab, durch die Lieferketten unter Druck gerieten, gab es nie die Notwendigkeit für einen generellen Paradigmenwechsel.

Was COVID-19 verändert hat

Der Umgang mit Disruptionen gehört zum Tagesgeschäft von Planern im Bereich Supply Chain. Bestimmt gab es immer wieder Ereignisse, in denen die Verantwortlichen von unvorhergesehenen Ereignissen kalt erwischt wurden – aber diese fanden meist auf operationaler Ebene statt und machten selten strategische Investments notwendig oder zwangen zu einer veränderten Beschaffungspolitik. Natürlich generalisieren wir hier ein wenig, aber in der Tendenz lässt sich das – glauben wir – so festhalten.

COVID-19 hat althergebrachte Prinzipien und Erkenntnisse auf den Kopf gestellt. Statt mit einem temporären Phänomen, haben die Planer es mit einem Dauerzustand zu tun. Lockdowns können Lieferanten oder die eigene Produktion treffen, Transportzeiten verlängern sich durch wiedereingeführte Grenzkontrollen, notwendige Materialien sind nicht mehr in ausreichendem Maße verfügbar – all das sind unmittelbare Auswirkungen der Krise seit mittlerweile anderthalb Jahren. Ein weiterer Faktor ist, dass Regierungen gemerkt haben, wie sich eine Abhängigkeit von bestimmten produzierenden Ländern auswirkt. Kein politisch Verantwortlicher wird die Zeit vergessen, in denen am kompletten Weltmarkt Cent-Artikel wie medizinische Masken nicht zu beschaffen waren und eine eigene Produktion nicht ohne weiteres hochgefahren werden konnte. So war es ihnen nicht möglich die Bevölkerung ausreichend zu schützen. Eine mögliche Konsequenz hieraus könnte sein, dass für bestimmte Waren – beispielsweise Medikamente – eine komplett inländische Lieferkette vorgeschrieben wird, um im Notfall gerüstet zu sein.

Berücksichtigt man diese beiden Entwicklungen, kann man davon ausgehen, dass es eine Rückkehr zu einer Pre-COVID-19 Beschaffungswirtschaft nicht geben wird. Die Veränderung, sie ist gekommen, um zu bleiben.

Gefahrenquellen möglicher Disruption von Lieferketten

Es gibt eine sehr aufschlussreiche Umfrage von Gartner in Bezug auf Resilienz von Lieferketten in Zeiten massiver Disruption. Supply Chain Verantwortliche sollten hier unter anderem benennen, welche Gefahrenquellen sie für weitere disruptive Ereignisse im Hinblick auf Lieferketten identifizieren. Wir wollen uns die Top 5 einmal näher anschauen:

No. 1: Epidemien und Pandemien

Wenig überraschend führt dieser Punkt die Liste mit großem Abstand an. Kein Ereignis hat die Welt, seit Ende des Zweiten Weltkrieges, so verändert, wie aktuell die COVID-19 Pandemie. Und obwohl die Impffortschritte in den westlichen Industrieländern Anlass zur Hoffnung geben, das Tal in absehbarer Zeit durchschritten zu haben, ist die Welt als Ganzes noch weit davon entfernt die Pandemie hinter sich zu lassen.

No. 2: Verknappung relevanter Rohmaterialien und Komponenten

Der Mangel an Halbleitern und Computerchips hat Mitte diesen Jahres speziell die Automobilbranche hat getroffen. Ganze Produktionsstraßen mussten gestoppt, die Arbeiter in Kurzarbeit geschickt werden. Aber nicht nur hochspezielle Materialien werden knapp. Durch den Bauboom der vergangenen Jahre geht uns der Sand aus.

No. 3: Verknappung der Produktionsressourcen von Lieferanten

Das bereits erwähnte Beispiel mit den medizinischen Masken hat gezeigt, was die Verknappung von Produktionsressourcen auslösen kann. Dabei ist es egal, ob die Verknappung künstlich (Reservierung von Ressourcen für eigene Zwecke), oder durch äußere Umstände (Explosion im Chempark Leverkusen) herbeigeführt wird.

No. 4: Strafzölle und Handelskriege

Lange Zeit dachte man, die Zeit des nationalen Protektionismus sei vorbei und der Welthandel könnte ohne Schranken agieren. In den letzten Jahren zeigt sich jedoch, dass in immer mehr Ländern nationalistische Bestrebungen aufkommen, die auch Auswirkungen auf die Außenwirtschaft haben. Prominent in Erinnerung ist sicherlich die Einführung von Strafzöllen durch die USA, beispielsweise gegen Europa oder China.

No. 5: Cyberattacken

Das Cyberattacken mittlerweile eine reale Bedrohung, auch für technisch gut gerüstete Unternehmen, darstellen zeigt beispielsweise der jüngste Hackerangriff auf T-Mobile US, bei dem Millionen von sensiblen Daten wie Sozialversicherungsnummern oder Führerscheindaten erbeutet wurden. Spionage, Erpressung, Sabotage oder Datendiebstahl sind allgegenwärtige Gefahren. Meine persönliche Vermutung ist, dass dieser Punkt ohne die Corona-Pandemie eher unter den ersten drei genannten Gefahrenquellen rangieren würde, denn die Gefahr ist immens.

Dies waren die Top-5 der Umfrage. Wer mehr erfahren möchte, findet weitere Informationen direkt bei Gartner unter: https://www.gartner.com/en/supply-chain/trends/weathering-the-storm-supply-chain-resilience-in-an-age-of-disruption.

Warum resiliente Lieferketten trotzdem kostenoptimal sein können

Wie können Lieferketten resilienter gemacht werden? Über den Daumen gepeilt klingt das alles ganz einfach: Transportwege müssen verkürzt, Redundanzen bei Lieferanten geschaffen und Lagerkapazitäten für Rohmaterialien und Zwischenprodukte erhöht werden – um nur drei mögliche Ansatzpunkte zu nennen. Die Resilienz wird erkauft durch höhere direkte Beschaffungskosten (anderes Lohngefüge), schlechtere Konditionen beim Lieferanten (da lediglich Teilmengen geordert werden) und höhere Lagerkosten (anmieten oder Schaffung von Lagerfläche).

Da Resilienz offenbar teuer erkauft werden muss, stellt sich die Frage nach Differenzierbarkeit. Muss wirklich die gesamte Beschaffungskette gleichermaßen abgesichert werden, oder genügt es einzelne Produkte in den Fokus zu nehmen? Wenn ja, welche und wie hoch sollten die Sicherheitsreserven ausfallen. Benötigt man für diese zusätzlich ein redundantes Netzwerk an Lieferanten, oder kann man besser Kostenvorteile durch Single Sourcing realisieren?

Wenn neben der Kostenoptimalität mindestens ein weiteres Ziel mit der Planung realisiert werden muss, kommen Excel basierte Spreadsheets an ihre Grenzen. Die Auswahl an möglichen Kombinationen und Möglichkeiten ist schlichtweg zu groß. Mit Hilfe mathematischer Optimierung lässt sich die optimale Konstellation jedoch berechnen. Das System kalkuliert auf Basis von Prescriptive Analytics die kostengünstigste maximal resiliente Lieferkette und liefert konkrete Handlungsempfehlungen, wie sich diese realisieren lässt. Darüber hinaus lassen sich auf strategischer Ebene mit Hilfe von Was-wäre-wenn Szenarien Auswirkungen bestimmter Vorgehensweisen simulieren, um auf Basis von Echtdaten die richtigen Entscheidungen zu treffen. Ist es günstiger Lagerfläche anzumieten, oder selbst zu schaffen? Welche Auswirkungen hat die Aufteilung von Bestellungen auf mehrere Lieferanten? Wie hoch ist der Zugewinn an Sicherheit im Vergleich zu den höheren Kosten? All diese Fragen können durch das System nachvollziehbar und reproduzierbar beantwortet werden. Ein echter Wettbewerbsvorteil in unsicheren Zeiten.

Fazit

Erkenntnissen von McKinsey zur Folge [Link] ist durchschnittlich ca. alle 3,7 Jahre mit einer ernsthaften Störung der Lieferkette zu rechnen, die über einen Monat und länger andauert. Die bis dato eingetretenen Ereignisse in 2021 zeigen sehr anschaulich, dass etwas unwiderruflich in Bewegung geraten ist. Schaut man ein wenig zurück, ist die Häufung von „Jahrhundertereignissen“ in den letzten zehn Jahren frappierend hoch. Es ist also an der Zeit, die neuen Realitäten anzuerkennen und zu reagieren. Jetzt wo die Erlebnisse noch frisch sind, ist es einfacher für Supply Chain-Verantwortliche Gehör bei C-Level Exekutives zu finden. Der alte Glaubenssatz „there is no glory in prevention“ hat ausgedient. Dafür ist einfach zu viel los.

Positive Einflussfaktoren für eine resiliente Lieferkette

Wir haben sechs Erfolgsfaktoren resilienter Lieferketten in einem Factsheet zusammengestellt. Dieses könne Sie hier herunterladen.

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